Heute liest Du den Erfahrungsbericht zum Gründungszuschuss von Isabell Prophet. Vielen Dank liebe Isabell, dass Du Deine Erfahrungen mit uns teilst.

Du weißt nicht, was der Gründungszuschuss ist oder kennst die Voraussetzungen nicht? Dann empfehle ich Dir diesen Artikel zu lesen.

 

Isabell Prophet, Social Media Expertin und Autorin. Im Februar 2015 mit dem Gründungszuschuss gegründet.

Sucht euch einen Gründungsberater, das ist der wichtigste Rat, den ich euch geben kann. Meiner bereitete mich auf alles vor, was da bürokratisch auf mich zu kam. Ganz schön hart war es manchmal trotzdem. Ich habe mich im Februar 2015 selbstständig gemacht, da war ich 28 Jahre alt, hatte gerade die Henri-Nannen-Schule hinter mir und einige Monate bei Spiegel Online gearbeitet.

 

Der Gründungszuschuss erreichte mich erst im Mai.

Arbeitssuchend gemeldet war ich überpünktlich, in Hamburg lässt sich das einfach online erledigen. Ich notierte schon im Portal, dass ich mich selbstständig machen will. So war meine Beraterin direkt gebrieft. Ich zog mich hübsch an, Jeans und Blazer, und stand irrsinnig nervös in der Agentur für Arbeit, Altona.

Das war der einfache Teil. Ich hielt einen kleinen Vortrag über potentielle Auftraggeber und das ich mich nach der Journalistenschule gern selbstständig machen wollte. Ich wollte wissen, ob ich es kann, ob ich das schaffe. Ich hatte Lust auf die Buchführung, die Auftragsjagd, die Möglichkeit, verschiedene Unternehmen kennen zu lernen. Eine Redakteursstelle erschien mir nett, aber wie ein Lebensmodell für Ältere. Ich wollte mich selbst herausfordern.

 

Ich hatte einen Plan.

Meine Beraterin – ungefähr mein Alter, sehr ruhig, sehr nett – bekam irgendwann leicht glasige Augen von meinem Gerede, guckte sich meinen Lebenslauf an und erklärte mir, eine Vermittlung würde in meinem Fall sowieso keinen Sinn machen. Ich sollte vor der Selbstständigkeit gern ein paar Wochen Pause gönnen und das Arbeitslosengeld zur Vorbereitung nutzen. Sie setzte irgendeinen Haken im System, so bekam ich keine Angebote samt Drohbrief, die ich nervenkriegerisch ausschlagen müsste.

Eine Freundin von mir, immerhin Crime-Reporterin, sollte übrigens ins südniedersächsische Gebirge, um dort Texte ins Internet zu kopieren. So etwas hängt vom Arbeitsamt ab. Mein Tipp: Nerven behalten. Einen netten Brief schreiben – da arbeiten ganz normale Menschen. Und hart bleiben. Ihr habt einen Plan.

Achja, der Plan: Meine Betreuerin in der Agentur für Arbeit trug mir auf, mich im Businessplan kurz zu fassen, vier-fünf Seiten wollte sie haben, dazu einen Zahlenteil. Mein Gründungsberater hatte mir dazu zwei Dateien überreicht – eine Gliederung und eine Tabelle – die ich nur noch ausfüllen musste. Das war schwer genug. Ich erzählte ganz viel von Kolumnen und Kontakten und dass ich etwas ganz Besonderes bin.

 

Geld? Später.

Mein Finanzteil kommt mir heute wie ein irres Fantasiegebilde vor. Es kam alles anders. Eine gute Idee war es trotzdem, ihn einmal aufzustellen. Ich machte mir einen Plan und sah, wie viel ich wann wirklich arbeiten müsste – und welche Honorare einfach gar nicht gehen. Verkauf dich ja nicht unter Wert, das sagte mir meine Excel-Tabelle ganz deutlich. Freier Journalismus braucht einen Kickstart. Wer langsam anfängt, der bekommt nach drei Monaten ein Geldproblem.

Ich hatte nach drei Monaten ein so übles Geldproblem, dass ich heulend in einer sehr großen Redaktion am Schreibtisch saß und eine Kollegin mir etwas ratlos die Schulter tätschelte. Ich hatte mir empfehlen lassen, mich schon zur Zeit der Arbeitslosigkeit beim Finanzamt selbstständig zu melden – das fand das Finanzamt gar nicht cool. Ich musste mich neu anmelden, der ganze Prozess verzögerte sich um weitere zwei Wochen.

Arbeitslosengeld bezog ich, bis mein Antrag auf Gründungszuschuss beim Sachbearbeiter lag – der stornierte die Sozialleistung und legte mich unter einen vermutlich sehr großen Gründungszuschuss-Stapel. Ich musste zwei Monate ALG I zurückzahlen, lang bevor ich meinen Gründungszuschuss bekam. Die ersten Honorare? Kamen Ende März. Der Gründungszuschuss kam im Mai, gleich für vier Monate rückwirkend. Ich investierte ihn komplett in meine Steuerrücklagen.

 

Meine wichtigsten Lektionen:

Rücklagen: Insgesamt habe ich rund 3000 Euro gebraucht, um den Start in die Selbstständigkeit zu finanzieren – nur auf mein privates Überleben bezogen. Für die Steuer lege ich seitdem 30 Prozent aller Einnahmen zurück, das reicht für die Steuerberaterin, die Nachzahlung selbst und einen Sommerurlaub.

Excel-Tabellen sind euer neuer bester Freund. Ihr müsst wissen, wann welches Geld kommt und ob das über den Monat gerechnet zum Leben reicht. Ihr müsst wissen, wie lange eure Rücklagen reichen, wenn ihr mal drei Monate lang weniger arbeitet. Diese Finanzplanung habe ich für zwölf Monate im Voraus. Außerdem setze ich mich 1-2 Mal im Monat an meine Buchhaltung, trage alles potentiell relevante ein. Ab und zu recherchiere ich Steuerfragen, mittlerweile geht das Meiste nach Gefühl. Meine Steuerberaterin macht einmal im Jahr den Rest.

Reden: Als die finanzielle Kernschmelze drohte, bin ich in die Honorar-Buchhaltung meines Hauptauftraggebers marschiert und habe mein Problem erklärt. Von dem Tag an lagen meine Rechnungen immer ganz oben auf jedem Stapel – ich hatte einfach nett darum gebeten.

Arbeitszeit: Wenn ihr selbst arbeitet, dann ist das Geld wert. Ich habe mir eine Jahresübersicht gebastelt und an jedem Tag meine Arbeitsstunden eingetragen und ihnen einen Wert beigemessen. Ihr bekommt 500 Euro für ein Projekt? Dann seid auch so ehrlich, diesen 500 Euro eine Stundenzahl gegenüber zu stellen. Wenn ihr nichts anders zu tun habt, klar, arbeitet mehr. Sich Mühe geben macht glücklich. Selbstausbeutung macht unglücklich – und arm.

Andere Leute erzählen alle Quatsch. Ihr werdet entweder hören, ihr sollt nicht für unter 300 Euro am Tag arbeiten oder dankbar sein, wenn ihr für 70 Euro irgendwo irgendwas machen könnt. Beides ist absolut falsch. Es hängt vom Projekt ab, es hängt vom Auftraggeber ab, es hängt von eurer Auftragslage ab. Bei mir hat jeder Arbeitstag einen Wert. Der Rest ist Mischkalkulation.

Ausnahmen: Nur dieses eine Mal das drei-Tage-Projekt für 400 Euro machen? Das geht, wenn es euch am Herzen liegt, wenn ihr es euch leisten könnt. Sprechen wir hier von einem millionenschweren Konzern, würde ich es mir schon wieder überlegen. “Medienkrise” ist kein Argument; die sollte nicht auf eurem Bankkonto ausgetragen werden. Eure Honorare werden einen Konzern nicht retten, der sich einen Fuhrpark leistet, Kantinenzuschüsse und Diensthandys für seine Mitarbeiter. Ansonsten ist die Antwort manchmal einfach: Nein. Es wird immer jemanden geben, der es billiger macht als ihr. Seid nicht Teil dieses Selbstausbeutungszirkels.

Liebe Grüße

Isabell

 

Isabell Prophet ist Social Media Expertin und Autorin in Berlin. Sie bloggt unter http://isabellprophet.net/ und ist Teil des http://socialmediawatchblog.org/

 

Wieder mal eine große Portion Motivation und Inspiration für Dich. Durchhalten lohnt sich 🙂 Den nächsten Erfahrungsbericht liest Du in 2 Wochen 🙂

Du hast auch mit dem Gründungszuschuss gegründet und möchtest Deine Erfahrungen teilen? Dann nimm Kontakt mit mir auf!

Alles Liebe,

Deine Tanja

 

Video-Interview zum Thema Business-Mindset mit Mindset-Coach Julia Lakämper

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